Modul 0

Willkommen zum Statistik-Kurs

In diesem Kurs werdet ihr statistische Methoden kennenlernen – und direkt auf eure eigene Forschungsfrage anwenden.

Was euch erwartet: ~1 Stunde, 6 Lernmodule, viele Beispiele mit echten Daten – und am Ende analysiert ihr eure eigenen Messdaten.

Jedes Modul endet mit einem Wissenscheck. Erst wenn ihr mindestens 80 % der Fragen richtig beantwortet habt, geht es weiter.
📚 Begleitmaterialien zum Kurs herunterladen: 📄 Theorie-Dokument 📝 Word-Datei (.docx) 📊 Excel-Tabelle (.xlsx)

Unser roter Faden: Die Creme-Studie

Durch alle Module begleitet uns eine echte Frage: Wird Creme 1 von den Testpersonen besser bewertet als Creme 4?

20 Personen haben vier Cremes auf einer Skala von 1–9 bewertet. Diese Daten werden wir Schritt für Schritt analysieren.

Creme-Daten (Auszug)
PersonCreme 1Creme 2Creme 3Creme 4
17564
28673
36755
49482
57666

Skala: 1 = sehr schlecht, 9 = sehr gut. Alle 20 Messwerte findet ihr in eurem Excel-File.

Überblick: Was werden wir lernen?

Modul 1
Datentypen
Nominal · Ordinal · Metrisch
Modul 2
Lageparameter
Modalwert · Median · Mittelwert
Modul 3
Streuung
Standardabw. · Boxplot
Modul 4
Normalverteilung
Gaußkurve · Shapiro-Wilk
Modul 5
Signifikanz & Tests
t-Test · Mann-Whitney · Chi²
Modul 6
Dein Projekt
Analyse & Forschungsfrage
Modul 1

Datentypen: Nominal, Ordinal, Metrisch

Bevor wir irgendetwas berechnen können, müssen wir wissen: Was für Daten haben wir überhaupt?

Warum ist das wichtig?

Nicht jede Messung ist gleich. Eine Postleitzahl ist zwar eine Zahl – aber es macht keinen Sinn, zwei Postleitzahlen zu addieren oder einen Durchschnitt zu berechnen. Den Unterschied zwischen Datentypen zu kennen, verhindert sinnlose Berechnungen.

Die drei Datentypen

NOMINAL Kategorien ohne Rangordnung

Nominale Daten sind Etiketten. Man kann sie benennen und zählen – aber nicht in eine sinnvolle Reihenfolge bringen.

Beispiele: Blutgruppe (A, B, AB, 0) · Augenfarbe · Lieblingsfarbe · Geschlecht · Wohnort

Merkhilfe: Stell dir vor, du sortierst T-Shirts nach Farbe in Boxen. Rot ist nicht «besser» als Blau – es ist einfach anders.

Was kann man damit tun? Man kann die Häufigkeit jeder Kategorie zählen: «Wie viele Personen haben Blutgruppe A?» Das ist alles, was erlaubt ist.

Was geht nicht? Eine sinnvolle Reihenfolge bilden, rechnen oder Abstände bestimmen.

Creme-Beispiel (nominal): Man fragt 20 Testpersonen: «Welche Creme gefällt euch am besten?» Ergebnis: Creme 1 (12×), Creme 3 (5×), Creme 2 (2×), Creme 4 (1×). Diese Angaben sind nominal – man darf nur zählen. Creme 1 gewinnt, weil sie am häufigsten genannt wird.
ORDINAL Kategorien mit Rangordnung

Ordinale Daten haben eine sinnvolle Reihenfolge – aber die Abstände zwischen den Werten sind nicht gleich gross oder messbar.

Beispiele: Schulnoten (1–6) · Zufriedenheitsskalen (sehr unzufrieden → sehr zufrieden) · T-Shirt-Grössen (S, M, L, XL) · Platzierungen bei Wettkämpfen

Merkhilfe: Bei einer Bewertungsskala von 1–9 ist 5 besser als 3. Aber ob der Unterschied zwischen 3 und 5 «gleich gross» ist wie zwischen 7 und 9 – das wissen wir nicht.

Was kann man damit tun? Vergleichen (grösser/kleiner), in eine Rangreihe bringen.

Was geht nicht? Abstände messen oder berechnen – weil die Abstände zwischen den Stufen nicht garantiert gleich gross sind.

Creme-Beispiel: Die Bewertungen auf der Skala 1–9 sind ordinal. «7 ist besser als 4» stimmt. Aber ob die Person mit 7 «gleich viel mehr begeistert» ist als von 4, verglichen mit einer 9 gegenüber einer 6 – das können wir nicht wissen.
METRISCH Zahlen mit gleichmässigen Abständen

Metrische Daten sind «echte» Zahlen: Die Abstände zwischen Werten sind definiert und gleich. Man darf mit ihnen rechnen.

Beispiele: Körpergrösse (cm) · Gewicht (kg) · Temperatur (°C) · Zeit (s) · pH-Wert

Merkhilfe: 20 °C ist genau 10 Grad wärmer als 10 °C – und genau gleich viel wärmer wie 30 °C gegenüber 20 °C. Das macht metrische Daten so mächtig.

Was kann man damit tun? Alles – addieren, subtrahieren, dividieren, multiplizieren. Alle statistischen Masse sind erlaubt (welche das sind, lernst du in Modul 2 und 3).

Creme-Beispiel (metrisch): Man lässt eine Creme 30 Sekunden einwirken und misst danach das Volumen des entstandenen Schaums in Millilitern. Creme A: 45 ml, Creme B: 28 ml. Der Unterschied (45 − 28 = 17 ml) ist exakt definiert – das macht diese Messung metrisch. Rechnen ist hier vollständig erlaubt.

Zusammenfassung

EigenschaftNominalOrdinalMetrisch
Kategorien benennbar
Rangordnung möglich
Abstände gleich gross
Rechnen erlaubt

Übung: Daten einordnen

Klicke zuerst auf ein Variable (grauer Chip), dann auf die richtige Zone. Du kannst auch einen falsch platzierten Chip zurückklicken.

Nominal

Ordinal

Metrisch

Wissenscheck

1. Welcher Datentyp liegt vor, wenn Schülerinnen ihre Lieblingsfarbe angeben?

Ordinal
Nominal
Metrisch

2. Die Bewertung einer Creme auf einer Skala von 1–9. Welcher Datentyp?

Nominal
Ordinal
Metrisch

3. Die Körpergrösse von Schülerinnen in Zentimeter. Welcher Datentyp?

Nominal
Ordinal
Metrisch

4. Welche der folgenden Variablen ist ordinal?

Blutgruppe (A, B, AB, 0)
Schulnoten (1–6)
Raumtemperatur in °C

5. Welche Aussage über nominale Daten ist korrekt?

Man kann nominale Daten in eine sinnvolle Rangordnung bringen.
Man kann den Mittelwert nominaler Daten berechnen.
Man kann Häufigkeiten zählen, zum Beispiel wie viele Personen eine bestimmte Kategorie gewählt haben.
Modul 2

Lageparameter: Modalwert, Median & Mittelwert

Wie beschreibe ich einen ganzen Datensatz mit einer einzigen Zahl? Diese drei Masse geben verschiedene Antworten auf diese Frage.

Das Problem: Viele Zahlen, eine Aussage

Stell dir vor, du hast 20 Creme-Bewertungen: 7, 8, 6, 9, 7, 7, 5, 8, 6, 7, 9, 6, 8, 7, 5, 6, 8, 7, 9, 7. Wie erklärt man jemandem in einem Satz, wie die Creme bewertet wurde? Man braucht einen Lageparameter – eine Zahl, die die «Mitte» oder den «typischen Wert» der Daten beschreibt.

MODALWERT Der häufigste Wert

Der Modalwert (auch: Modus) ist einfach der Wert, der am häufigsten vorkommt.

Beispiel: In einer Klasse fragen wir nach der Lieblingsfarbe: Blau (8×), Grün (5×), Rot (4×), Gelb (3×).
→ Der Modalwert ist Blau, weil es am häufigsten genannt wurde.

Wann verwenden? Immer – auch bei nominalen Daten, wo kein anderes Lagemass erlaubt ist.

Vorteil: Sehr einfach zu bestimmen, kein Rechnen nötig, funktioniert bei allen Datentypen.

Nachteil: Sagt nichts über die Verteilung der anderen Werte aus. Es kann auch mehrere Modi geben.

MEDIAN Der mittlere Wert

Der Median ist der Wert, der genau in der Mitte liegt, wenn man alle Werte der Grösse nach sortiert. Die Hälfte der Werte liegt darunter, die andere Hälfte darüber.

Beispiel mit 7 Werten:
Unsortiert: 7, 3, 9, 5, 6, 4, 8
Sortiert: 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9
→ Der 4. Wert (von 7) steht in der Mitte: Median = 6
Was bei einer geraden Anzahl?
Bei 8 Werten gibt es zwei mittlere Werte – man nimmt deren Durchschnitt:
3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 → Median = (6+7)/2 = 6.5

Wann verwenden? Bei ordinalen und metrischen Daten – besonders wenn Ausreisser (extreme Werte) vorhanden sind.

Stärke des Medians: Er ist robust gegenüber Ausreissern. Ein extremer Wert kann den Median kaum verändern.

MITTELWERT Der Durchschnitt

Den Mittelwert (auch: Durchschnitt, arithmetisches Mittel, x̄ «x-quer») kennt ihr alle: alle Werte addieren, durch die Anzahl der Werte dividieren.

Formel: x̄ = (x₁ + x₂ + … + xₙ) / n

Beispiel: Werte: 2, 4, 6, 6, 8, 8, 8
x̄ = (2+4+6+6+8+8+8) / 7 = 42 / 7 = 6.0

Wann verwenden? Nur bei metrischen Daten – und nur wenn keine starken Ausreisser vorhanden sind.

Schwäche: Der Mittelwert reagiert sehr empfindlich auf Ausreisser.

Der Bill-Gates-Effekt: Wenn der Mittelwert lügt

Stell dir eine Bar mit 10 Stammgästen vor. Das durchschnittliche Einkommen beträgt 50 000 CHF/Jahr. Dann kommt Bill Gates (Vermögen: Milliarden) herein. Plötzlich steigt das «Durchschnittseinkommen» der Bar auf mehrere Millionen – obwohl alle anderen Gäste genau gleich viel verdienen wie vorher.

Regel: Wenn Ausreisser vorhanden sind oder die Daten stark einseitig verteilt sind, ist der Median ehrlicher als der Mittelwert. Das Medianeinkommen der Schweiz ist ein viel besserer Indikator für den «typischen» Lohn als das Durchschnittseinkommen.

Interaktiv: Der Ausreisser-Effekt

Verschiebe den roten Punkt und beobachte, wie sich die drei Lageparameter verändern. Was passiert mit dem Mittelwert, wenn der Ausreisser sehr gross wird?

Ausreisser: 8
Modalwert
Median
Mittelwert

Übung: Schritt für Schritt berechnen

Berechnet die drei Lageparameter für diesen kleinen Datensatz: 2, 4, 8, 8, 6, 8, 6

Schritt-für-Schritt-Anleitung
1
Werte der Grösse nach sortieren
Sortiert: 2, 4, 6, 6, 8, 8, 8

Wir haben 7 Werte (n = 7).

2
Modalwert bestimmen: Welcher Wert kommt am häufigsten vor?
2 → 1×, 4 → 1×, 6 → 2×, 8 → 3× ← am häufigsten!
Modalwert = 8
3
Median bestimmen: Welcher Wert steht an Position (n+1)/2?
n = 7, Mittelposition = (7+1)/2 = 4. Position
Sortiert: 2, 4, 6, [6], 8, 8, 8
Median = 6
4
Mittelwert berechnen: Summe ÷ Anzahl
x̄ = (2+4+6+6+8+8+8) / 7 = 42 / 7 = 6.0

Hier sind Modalwert (8), Median (6) und Mittelwert (6) alle unterschiedlich – interessant!

5
Bonus: Was passiert, wenn der letzte Wert (8) durch 80 ersetzt wird?
Neue Daten: 2, 4, 6, 6, 8, 8, 80

Sortiert: 2, 4, 6, [6], 8, 8, 80
Median = 6 (unverändert!)

x̄ = (2+4+6+6+8+8+80) / 7 = 114 / 7 ≈ 16.3 (stark verändert!)
Der Median bleibt bei 6 – er «ignoriert» den Ausreisser praktisch. Der Mittelwert springt von 6 auf 16.3 – er reagiert sehr stark!

Wissenscheck

1. Welches Lagemass ist bei nominalen Daten (z.B. Augenfarbe) erlaubt?

Mittelwert
Median
Modalwert

2. Datensatz: 3, 7, 7, 9, 11, 11, 11, 15. Was ist der Modalwert?

9
11
9.25

3. Datensatz: 1, 3, 5, 7, 9, 11. Was ist der Median?

5
6
6.33

4. Ein Ausreisser (sehr extremer Wert) beeinflusst hauptsächlich welches Lagemass stark?

Modalwert
Median
Mittelwert

5. Welches Lagemass ist am besten geeignet für das «typische» Gehalt in einer Firma, in der die meisten Mitarbeitenden 60 000–80 000 CHF verdienen, aber die CEO 5 000 000 CHF?

Mittelwert
Median
Modalwert
Modul 3

Streumasse: Standardabweichung & Boxplot

Ein Lageparameter sagt, wo die Daten «liegen». Ein Streumass sagt, wie stark sie streuen – wie verschieden sie voneinander sind.

Warum brauchen wir Streumasse?

Zwei Kurse, gleicher Mittelwert:
Kurs A: 5, 5, 5, 5, 5, 5 → Mittelwert = 5
Kurs B: 1, 3, 5, 5, 7, 9 → Mittelwert = 5

Beide Kurse haben denselben Durchschnitt – aber Kurs A ist extrem einheitlich, Kurs B sehr vielfältig. Ohne Streumass würden wir diesen wichtigen Unterschied verpassen!

Die Standardabweichung: Die Dusche-Analogie

Stell dir vor, du duschst täglich und misst jeden Tag die Wassertemperatur. Manchmal ist sie etwas zu warm, manchmal etwas zu kalt:

Dusche A: Gut eingestellt
Temperaturen: 37°, 38°, 38°, 37°, 38°
SD ≈ 0.5°C – geringe Streuung
Dusche B: Schlecht eingestellt
Temperaturen: 25°, 33°, 45°, 30°, 22°
SD ≈ 8.8°C – hohe Streuung
Faustregel: Je grösser die Standardabweichung (SD), desto mehr streuen die Werte um den Mittelwert herum. Eine kleine SD bedeutet: alle Werte liegen nahe beieinander. Eine grosse SD: die Werte sind weit verteilt.

Was bedeutet die Formel?

Die Standardabweichung misst, wie weit die einzelnen Werte im Durchschnitt vom Mittelwert entfernt sind.

Berechnung Schritt für Schritt

Datensatz: 2, 4, 6, 6, 8, 8, 8 | Mittelwert x̄ = 6

Wert (x)Abstand zum Mittelwert (x − x̄)Quadrat (x − x̄)²
22 − 6 = −4(−4)² = 16
44 − 6 = −2(−2)² = 4
66 − 6 = 00² = 0
66 − 6 = 00² = 0
88 − 6 = 22² = 4
88 − 6 = 22² = 4
88 − 6 = 22² = 4
Summe der Quadrate = 32
Varianz = 32 / (7−1) = 32 / 6 ≈ 5.33
Standardabweichung = √5.33 ≈ 2.31

Wir teilen durch (n−1) und nicht durch n, weil wir eine Stichprobe analysieren (Stichprobenstandardabweichung). In Excel: =STABW()

Der Boxplot: Fünf Zahlen, ein Bild

Ein Boxplot fasst die Verteilung eines Datensatzes mit fünf Kennzahlen zusammen. Aber zuerst müssen wir einen Begriff erklären:

Was ist ein Perzentil?
Das p-te Perzentil ist der Wert, unter dem p% aller Messwerte liegen.
Beispiel: Das 25. Perzentil (= 1. Quartil) ist der Wert, unter dem 25% der Daten liegen. Das 75. Perzentil ist der Wert, unter dem 75% der Daten liegen.
Der Median ist übrigens das 50. Perzentil – genau die Hälfte der Werte liegt darunter.
Die 5 Kennzahlen des Boxplots
KennzahlBedeutung
MinimumKleinster Wert (ohne Ausreisser)
Q1 (1. Quartil, 25. Perzentil)25% der Werte liegen darunter
Median (Q2, 50. Perzentil)50% der Werte liegen darunter
Q3 (3. Quartil, 75. Perzentil)75% der Werte liegen darunter
MaximumGrösster Wert (ohne Ausreisser)
Min Q1 Median Q3 Max ← IQR (Interquartilsabstand) →

IQR (Interquartilsabstand) = Q3 − Q1: Der Bereich, in dem die mittleren 50% der Daten liegen. Werte, die mehr als 1.5 × IQR über Q3 oder unter Q1 liegen, gelten als Ausreisser und werden als Punkte separat dargestellt.

Welches Mass für welche Daten?

Jetzt kennt ihr alle Lage- und Streumasse. Hier die vollständige Übersicht, welches Mass wann erlaubt ist:

DatentypLageparameterStreumass
NominalModalwertKeine sinnvollen Streumasse
OrdinalModalwert, MedianBandbreite (Min–Max), Boxplot (Q1–Q3)
MetrischModalwert, Median, MittelwertAlle: Standardabweichung, Varianz, Boxplot
Wichtig: Bei ordinalen Daten ist die Standardabweichung eigentlich nicht erlaubt – weil wir dafür echte Abstände bräuchten. Aber in der Praxis wird sie trotzdem oft berechnet (z.B. bei der Creme-Studie). Wenn ihr das tut, solltet ihr es erwähnen.

Wissenscheck

1. Was misst die Standardabweichung?

Die Mitte der Daten
Wie weit die Werte im Durchschnitt vom Mittelwert entfernt sind
Den höchsten Wert im Datensatz

2. Welche der folgenden Standardabweichungen zeigt eine grössere Streuung?

SD = 0.8
SD = 4.5
Beide sind gleich

3. Was ist das erste Quartil (Q1) eines Datensatzes?

Der mittlere Wert (50. Perzentil)
Der Wert, unter dem 25% der Daten liegen (25. Perzentil)
Der Wert, unter dem 75% der Daten liegen (75. Perzentil)

4. Für welche Daten ist die Standardabweichung ein erlaubtes Streumass?

Nominale Daten (z.B. Blutgruppe)
Ordinale Daten (z.B. Schulnoten)
Metrische Daten (z.B. Körpergrösse in cm)

5. Der IQR (Interquartilsabstand) wird berechnet als…

Maximum − Minimum
Mittelwert − Median
Q3 − Q1
Modul 4

Normalverteilung: Die Glockenkurve

Viele natürliche Messungen folgen einem typischen Muster – der Normalverteilung. Warum das wichtig ist, und wie wir es testen, lernt ihr hier.

Was ist die Normalverteilung?

Wenn man viele Menschen misst (z.B. Körpergrösse), findet man meist: Die meisten Werte liegen um die Mitte, und je extremer der Wert, desto seltener tritt er auf. Diese symmetrische «Glockenkurve» nennt man Normalverteilung.

≈ 68% der Daten x̄ − SD x̄ + SD
Die 68-95-99.7-Regel: Bei einer Normalverteilung liegen etwa 68% aller Werte im Bereich x̄ ± 1 SD, 95% im Bereich x̄ ± 2 SD, und 99.7% im Bereich x̄ ± 3 SD.

Symmetrisch vs. schief verteilt

Nicht alle Daten sind normalverteilt. Es gibt auch schiefe Verteilungen:

Linksschief (negativ schief)
Langer Schweif nach links. Median > Mittelwert.
Normalverteilt (symmetrisch)
Symmetrische Glocke. Median ≈ Mittelwert.
Rechtsschief (positiv schief)
Langer Schweif nach rechts. Median < Mittelwert.
Bimodal (zweigipfelig)
Zwei Gipfel. Oft: zwei vermischte Gruppen in einem Datensatz.
Bimodal – wann kommt das vor? Wenn man zwei verschiedene Populationen misst und zusammenwirft – z.B. Körpergrössen von Frauen und Männern in einem gemeinsamen Datensatz. Jede Gruppe hat ihr eigenes Zentrum; zusammen entsteht eine zweigipfelige Kurve. Bimodale Daten sind nicht normalverteilt.

Warum müssen wir auf Normalverteilung prüfen?

Viele statistische Tests (z.B. der t-Test) setzen voraus, dass die Daten normalverteilt sind. Wenn diese Voraussetzung verletzt ist, können die Testergebnisse falsch sein – und man muss auf andere Tests ausweichen.

Faustregel: Wenn ihr eure Daten erhoben habt, prüft immer zuerst auf Normalverteilung, bevor ihr einen statistischen Test wählt.

Der Shapiro-Wilk-Test

Der Shapiro-Wilk-Test ist der gebräuchlichste Test auf Normalverteilung für kleine Stichproben (n < 50). Er berechnet einen p-Wert:

p ≥ 0.05

Kein signifikanter Unterschied zur Normalverteilung → Daten können als normalverteilt angenommen werden. ✓

p < 0.05

Signifikante Abweichung von der Normalverteilung → Daten sind nicht normalverteilt. ✗

Den p-Wert werden wir im nächsten Modul ausführlich erklären. Hier reicht die Daumenregel: p ≥ 0.05 = normalverteilt.

Normalverteilung in Excel prüfen

In der Excel-Vorlage zu dieser Forschungswoche findet ihr bereits einen Shapiro-Wilk-Test. Die Schritte im Überblick:

  1. Öffnet das Excel-File mit den Creme-Daten.
  2. Auf dem Blatt «Normalverteilung» seht ihr für jede Creme den Shapiro-Wilk p-Wert.
  3. Grüne Felder (p ≥ 0.05): normalverteilt. Rote Felder (p < 0.05): nicht normalverteilt.
  4. Diese Information braucht ihr im nächsten Modul, um den richtigen Test zu wählen.

Wissenscheck

1. Was beschreibt die «Normalverteilung»?

Eine Verteilung, bei der alle Werte gleich häufig auftreten
Eine symmetrische, glockenförmige Verteilung mit den meisten Werten in der Mitte
Eine Verteilung, bei der nur ganzzahlige Werte vorkommen

2. Shapiro-Wilk-Test ergibt p = 0.32. Was bedeutet das?

Die Daten können als normalverteilt angenommen werden (p ≥ 0.05)
Die Daten sind nicht normalverteilt (p < 0.05)
Keine Aussage möglich

3. Bei einer rechtsschiefen Verteilung gilt:

Median = Mittelwert
Mittelwert > Median
Median > Mittelwert

4. Warum ist es wichtig, vor einem statistischen Test auf Normalverteilung zu prüfen?

Nur als formale Pflicht, hat keine praktische Bedeutung
Viele Tests setzen Normalverteilung voraus – ohne Prüfung riskiert man falsche Testergebnisse
Weil normalverteilte Daten schöner aussehen
Modul 5

Signifikanz & statistische Tests

Ist der Unterschied zwischen zwei Gruppen «echt» – oder nur Zufall? Die Antwort liegt im p-Wert.

Was heisst «statistisch signifikant»?

Wir vergleichen zwei Gruppen – z.B. die Bewertungen von Creme 1 und Creme 4. Creme 1 hat vielleicht einen höheren Mittelwert. Aber: Könnte dieser Unterschied auch durch Zufall entstanden sein, wenn in Wirklichkeit kein Unterschied besteht?

Die Grundidee: Statistische Tests berechnen, wie wahrscheinlich es wäre, diesen Unterschied (oder einen noch extremeren) zufällig zu beobachten – wenn es eigentlich keinen echten Unterschied gibt.

Diese Wahrscheinlichkeit ist der p-Wert.
Der p-Wert erklärt
p ≥ 0.05

Der beobachtete Unterschied könnte gut durch Zufall entstanden sein. Kein signifikanter Unterschied nachgewiesen.

p < 0.05

Ein solcher Unterschied durch Zufall ist sehr unwahrscheinlich (<5%). Signifikanter Unterschied gefunden.

Wichtiger Hinweis: p < 0.05 bedeutet nicht, dass der Unterschied gross oder praktisch wichtig ist – nur dass er wahrscheinlich nicht zufällig ist. Und es gibt immer eine 5%-Chance auf einen falsch-positiven Befund!

Den richtigen Test wählen

Welcher Test hängt davon ab: (1) Wie viele Gruppen vergleicht ihr? (2) Sind die Daten normalverteilt? (3) Welcher Datentyp?

Entscheidungsbaum
→ Vergleich zweier Gruppen (metrisch/ordinal)
Daten normalverteilt: t-Test
Excel: T.TEST() oder Datenanalyse-Werkzeug
Daten NICHT normalverteilt: Mann-Whitney U-Test
Nicht-parametrisch, funktioniert ohne Normalverteilung
→ Vergleich nominaler Häufigkeiten
Kategorienhäufigkeiten vergleichen: Chi²-Test (Chi-Quadrat-Test)
Beispiel: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Geschlecht und Lieblingsfarbe?

Die drei Tests im Detail

t-Test (Zwei-Stichproben-t-Test)

Wann: Zwei Gruppen vergleichen, metrische Daten, normalverteilt

Fragestellung: «Haben Creme 1 und Creme 4 signifikant unterschiedliche Mittelwerte?»

In Excel: Daten → Datenanalyse → t-Test: Zwei Stichproben, Varianzen unbekannt
Oder: =T.TEST(Bereich1; Bereich2; 2; 2)

Creme-Beispiel: t-Test Creme 1 vs. Creme 4 → p = 0.003 → signifikanter Unterschied (p < 0.05)
Mann-Whitney U-Test

Wann: Zwei Gruppen vergleichen, ordinale oder nicht-normalverteilte metrische Daten

Fragestellung: «Unterscheiden sich die Bewertungen (Ränge) von Creme 1 und Creme 4?»

Ablauf: Alle Werte beider Gruppen werden gemeinsam in Ränge gebracht. Dann wird verglichen, ob eine Gruppe systematisch höhere Ränge hat.

In Excel: Erfordert ein Zusatz-Makro oder Handberechnung (in eurer Excel-Vorlage bereits vorbereitet).

Vorteil: Funktioniert auch ohne Normalverteilung. Robuster gegenüber Ausreissern.
Chi²-Test (Chi-Quadrat-Test)

Wann: Nominale Daten, Häufigkeiten in Kategorien vergleichen

Fragestellung: «Gibt es einen Zusammenhang zwischen zwei nominalen Variablen?»

Beispiel: Ihr habt 60 Pflanzen unter zwei Bedingungen beobachtet. 30 Pflanzen mit Dünger: 22 blühten, 8 nicht. 30 Pflanzen ohne Dünger: 14 blühten, 16 nicht. Chi²-Test → p = 0.04 → signifikanter Einfluss des Düngers!

In Excel: =CHIQU.TEST(Beobachtungsbereich; Erwartungsbereich)

Anwendung auf die Creme-Studie

Wie wählen wir den richtigen Test für Creme 1 vs. Creme 4?
1
Datentyp bestimmen: Bewertungsskala 1–9 → ordinal
2
Normalverteilung prüfen: Shapiro-Wilk-Test aus Modul 4 anschauen
3
Entscheidung: Ordinale Daten → Mann-Whitney U-Test. Falls Normalverteilung angenommen werden kann und man Mittelwerte vergleichen will → auch t-Test möglich
4
Ergebnis interpretieren: p < 0.05 → signifikanter Unterschied. «Creme 1 wird signifikant besser bewertet als Creme 4 (Mann-Whitney U-Test, p = 0.003).»

Vertrauensintervall (Konfidenzintervall)

Ein p-Wert sagt: «Gibt es einen Unterschied?» Das Vertrauensintervall sagt: «Wie gross ist dieser Unterschied – und wie sicher sind wir?»

Grundidee: Wir haben eine Stichprobe gemessen und daraus einen Mittelwert berechnet. Aber der «wahre» Mittelwert der Gesamtpopulation liegt irgendwo in einem Bereich um unseren Stichprobenmittelwert. Das 95%-Vertrauensintervall gibt diesen Bereich an: Mit 95%-iger Wahrscheinlichkeit enthält er den echten Wert.
Was bedeutet «95%»?

Stellt euch vor, ihr wiederholt dasselbe Experiment 100 Mal und berechnet jedes Mal ein 95%-Vertrauensintervall. Dann werden 95 von 100 Intervallen den wahren Populationswert enthalten – und 5 werden daneben liegen (das unvermeidliche Restrisiko).

wahrer Wert ≈ 5%: Treffer verfehlt ≈ 5%: Treffer verfehlt 95% treffen

Jede Linie = ein Vertrauensintervall. Punkt = geschätzter Mittelwert. Grün trifft den wahren Wert, Rot verfehlt ihn.

Die Formel (für den Mittelwert)

Das 95%-Vertrauensintervall für den Mittelwert einer normalverteilten Stichprobe:

KI = x̄ ± 1.96 · (SD / √n)
SymbolBedeutung
Mittelwert der Stichprobe
1.96Kritischer Wert für 95% Sicherheit (kommt aus der Normalverteilung)
SDStandardabweichung der Stichprobe
nStichprobengrösse
SD / √nStandardfehler: wie genau ist unser Mittelwert?
Creme-Beispiel: Die 20 Bewertungen von Creme 1 haben einen Mittelwert x̄ = 7.1 und eine Standardabweichung SD = 1.2.

Standardfehler = 1.2 / √20 = 1.2 / 4.47 ≈ 0.27
95%-Vertrauensintervall = 7.1 ± 1.96 · 0.27 = 7.1 ± 0.53

[6.57 ; 7.63]

Interpretation: «Wir sind zu 95% sicher, dass der wahre mittlere Creme-1-Wert der Gesamtpopulation zwischen 6.57 und 7.63 liegt.»
Was beeinflusst die Breite des Intervalls?
Schmales Intervall = präzise
  • Grosse Stichprobe (↑ n)
  • Kleine Streuung (↓ SD)
  • Niedrigeres Konfidenzniveau (z.B. 90% statt 95%)
Breites Intervall = unpräzise
  • Kleine Stichprobe (↓ n)
  • Grosse Streuung (↑ SD)
  • Höheres Konfidenzniveau (z.B. 99% statt 95%)

Wissenscheck

1. Was bedeutet ein p-Wert von 0.03?

Der Unterschied ist statistisch signifikant (p < 0.05)
Der Unterschied ist nicht signifikant
Die Gruppen unterscheiden sich um 3%

2. Zwei Gruppen werden verglichen. Die Daten sind metrisch und normalverteilt. Welcher Test ist angemessen?

t-Test
Mann-Whitney U-Test
Chi²-Test

3. Die Daten sind ordinal und nicht normalverteilt. Zwei Gruppen sollen verglichen werden. Welcher Test?

t-Test
Mann-Whitney U-Test
Chi²-Test

4. p-Wert = 0.001. Was kann man sagen?

Es gibt keinen signifikanten Unterschied
Der Unterschied beträgt 0.1%
Der Unterschied ist statistisch hoch signifikant

5. Für welche Fragestellung ist der Chi²-Test geeignet?

Vergleich der Mittelwerte zweier Gruppen
Test, ob zwei Standardabweichungen gleich sind
Prüfen, ob ein Zusammenhang zwischen zwei nominalen Kategorien besteht
Modul 6

Mein Forschungsprojekt

Jetzt wendet ihr alles an, was ihr gelernt habt – auf eure eigenen Daten.

Schritt 1: Euer Projekt beschreiben

Schritt 2: Analyse-Checkliste

Hakt die Punkte ab, wenn ihr sie in Excel erledigt habt:

Daten vollständig eingegeben und auf Tippfehler geprüft
Lageparameter berechnet (Modalwert, Median, Mittelwert je nach Datentyp)
Streumasse berechnet (Standardabweichung, Boxplot je nach Datentyp)
Normalverteilung geprüft (Shapiro-Wilk-Test, falls metrisch/ordinal)
Den richtigen statistischen Test gewählt und durchgeführt
p-Wert interpretiert (signifikant oder nicht signifikant?)
Ergebnis in einem Satz formuliert (mit Testname und p-Wert)

Schritt 3: Ergebnis formulieren

Vorlage für eure Formulierung:

«[Variable A] und [Variable B] unterscheiden sich [signifikant / nicht signifikant] voneinander ([Testname], p = [Wert]).»

Beispiel: «Creme 1 und Creme 4 unterscheiden sich signifikant in ihren Bewertungen (Mann-Whitney U-Test, p = 0.003). Creme 1 erhält deutlich höhere Bewertungen (Median = 7) als Creme 4 (Median = 4).»
🎉 Herzlichen Glückwunsch!

Ihr habt alle 6 Module der Statistik-Werkzeugkiste absolviert! Ihr könnt jetzt:
  • Daten als nominal, ordinal oder metrisch klassifizieren
  • Lageparameter und Streumasse berechnen und interpretieren
  • Normalverteilung testen
  • Den richtigen statistischen Test wählen und p-Werte interpretieren
  • Eure eigene Forschungsfrage statistisch beantworten